Das Hospiz

Ein Krankenhaus. Oder besser gesagt: Ein wunderschönes Hospiz, direkt am Meer, mit klaren Formen, weißen Mauern – gestaltet bis ins kleinste Detail. Von außen ist alles hell, und das Gebäude ist in mehreren Stufen erbaut, die Treppe für Treppe das Ufer emporklimmen.  

An der Uferseite, an der sich der Garten zu einer großen grünen Fläche erweitert, gibt es eine Empore. Diese zeigt wie ein riesiger Balkon Richtung Meer. Darauf ist ein Chor von Patienten, alle in weiß gekleidet: In weißen Kitteln, die vorne zu, aber am Rücken geöffnet sind. Die meisten Patienten haben nur die nackten Beine darunter.  

Dieser Chor hat kein Publikum, das ihm lauscht, aber er singt: Hohe Stimmen, tiefe Stimme, breite Tenöre und Baritone dazwischen, alles durcheinander, alles klar und durchdringend, dass es einem durch Mark und Bein geht. Und alles ohne Worte. Wenn man den Einzelstimmen folgt, scheint es, dass jeder nur für sich singt. Die Rachen sind dunkelrot und weißberandet geöffnet, und die Töne kommen irgendwo aus der Tiefe.  

Manche Patienten hören zwischendurch auf zu singen, schauen desinteressiert zu Boden oder in die Luft, wälzen ihre Finger aneinander oder scharren leise mit den Füßen. Manche räkeln sich auf ihren Stühlen, andere sitzen schmerzhaft aufrecht. Manche stehen in umgekehrte Richtung, und manche wippen vor und zurück – vollkommen unabhängig vom Takt. Doch irgendwann setzen auch ihre Stimmen wieder ein, manchmal nur für ein paar Sekunden, um danach wieder vollkommen in Lethargie zu verfallen. Doch jemand singt immer, und zusammengenommen bringt der Chor die Luft zum vibrieren und läßt den Wind und das nahe Meer verstummen. 

Ansonsten ist das Hospiz von unsagbarer Ruhe erfüllt. Vor dem Eingang ist ein wohlgeordneter Garten, mit Blumen und akkurat geschnittenen Büschen und Hecken. Ein weißer Kiesweg liegt still in der Sonne. 

 

Doch die Idylle hat einen Bruch: 

Das Hospiz ist vor kurzem bombardiert worden. Man sieht inzwischen kaum noch etwas davon – wo die Bomben gefallen sind, ist jetzt eine Dünenlandschaft: Weißer Sand, Dünengras und sanfte Erhebungen. Die erneuerten Wände, die getroffen waren, schimmern nur noch etwas weißer als der Rest.  

Unter dem Sand liegt ein Luftschutzbunker aus grauem Beton, tief in die Landschaft vergraben und vom Hospiz aus unterirdisch erreichbar, mit genug Vorräten, Energie, Wohnraum und Luxus für die Angestellten des Hospiz, dass sie Wochen dort aushalten könnten. Und doch scheint der letzte Bombenangriff den Bunker so weit nach oben gespült zu haben, dass an der einen oder anderen Stelle eine schale Betonecke aus dem schlafenden Sand ragt und so die behutsam versteckte Sicherheitsstruktur verrät. 

 

Ein zweiter Bruch mit der Idylle des Hospiz: 

In dem Hospiz werden Experimente mit den Insassen durchgeführt. Dies geschieht auf jeden Fall gegen ihren Willen – falls dieser noch vorhanden sein sollte – oftmals aber auch vollkommen ohne ihre Kenntnis. Es wird nicht darüber gesprochen. Weder unter Patienten, noch unter den Ärzten. Doch die Ärzte wissen alle davon, auch wenn sie es – vielleicht sogar vor sich selbst – verschweigen. 

Die wenigen Patienten, denen das Ganze überhaupt halbwegs bewußt ist, leisten höchstens passiven Widerstand. Doch sie werden niemals körperlich zu irgendetwas gezwungen. Man bleibt einfach hartnäckig zu ihnen, freundlich sogar, und reicht ihnen Tag für Tag das vergiftete Essen, das ihren Körper Stück für Stück von innen degradiert. 

Oder sie werden an Apparate gesetzt, die augenscheinlich ihrer Gesundheit dienen, aber langsam ihren Körper und ihren Willen brechen und ihnen über die Zeit das wache Bewußtsein rauben. 

Die einzigen, die den Zwangsapparat des Hospiz etwas offensichtlicher durchscheinen lassen, sind vier Männer. Sie sind groß, gesund und strotzen vor Übermut. Alle vier tragen Hüte und bunte Kleidung und man begegnet ihnen fast nie allein. Falls einer von ihnen einmal allein gesichtet wird, dann sind die anderen drei mit Sicherheit nicht weit. Sie sind die einzigen, die die Patienten im Zweifelsfall triezen, sie zwingen etwas gegen ihren Willen zu tun, die sie unnachgiebig necken, indem sie ihnen beispielsweise Sachen wegnehmen, so wie kleine Kinder anderen in der Schule ihre Sachen wegnehmen, nur um ihre Macht zu zeigen und um daraus eine verschwitzte Lust zu ziehen. Manchmal treten und schlagen sie die Insassen auch, aber niemals ins Gesicht und nur unter dem Tisch, denn alles andere würde man sehen. 

Diese vier Männer sieht man nur selten dabei, »etwas wirklich Schlimmes« zu tun. Aber jeder Patient hat eine unsagbare Angst vor ihnen – selbst die, die sonst keine Spur von Verstand mehr zeigen – da jederzeit die Willkür aus dem »Wachpersonal« herausbrechen kann. Nach außen fungieren sie als eine Art Sicherheitsapparat. Sie verhindern, dass Patienten das Hospiz verlassen oder gar versuchen zu fliehen. Zum anderen unterbinden sie, dass jemand ungehindert von außen ins Hospiz kommt. Und falls es doch jemandem gelingen sollte, landet er meist kurze Zeit später als Patient wieder in einer der Abteilungen. 

Die vier sind es auch, die dafür Sorge tragen, dass ein jeder brav das ausgeschenkte Essen vertilgt. Falls jemand das Essen verweigert, wird er von den vieren eingekreist und so lange lautstark gestichelt und misshandelt, bis er nicht mehr anders kann, als zu essen oder seinen Willen und seine Würde zu verlieren. 

 

Anders als der Speisesaal sind die oberen Stockwerke des Hospiz leise wie die Flure eines hochkarätigen Hotels: Mit dicken Teppichen im Gang und einer verschlossenen Tür nach der anderen. Diese Türen öffnen sich fast nie von innen, da die meisten Türen von außen verschlossen und nur vom Personal geöffnet werden können. 

Keller und erste Etage sind den Ärzten vorbehalten. Hier sind die Behandlungszimmer und die Apparaturen untergebracht. Es kann sein, dass einzelne Patienten wochenlang nicht in Behandlungszimmer gebracht werden, aber die Drohung, plötzlich abgeholt zu werden, liegt ständig wie eine steinerne Halskrause um ihren Hals. 

Der Eingangsbereich des Hospiz wirkt hell und freundlich, eigentlich einladend, säße dort nicht die Empfangsdame hinter einem riesigen »Counter«, die mit schwerer Hand dafür sorgt, dass sich niemand, aber auch wirklich niemand, in der Eingangshalle aufhält. 

Das Hospiz riecht nicht nach Krankenhaus, sondern eher nach Hotel und im Keller nach alter Bibliothek oder Aktenarchiv.  

 

Sterben tut hier offiziell niemand. Doch es gibt vom Keller aus einen grünlich erleuchten Gang, von dem aus »erloschene Geister« regelmäßig in einen großen runden Raum gebracht werden. Rundherum sind unzählige Schubladenschränke, in die die Körper verstaut werden, nachdem sie zuvor mit verschiedenen Schläuchen an den »Vegitator« angeschlossen werden. Aber kein Patient kommt jemals im bewußten Zustand hierher. Und laut Aktenlage hat auch noch nie jemand diesen Raum wieder verlassen. 

* immerdasgleiche